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Histaminintoleranz – welche Rolle der Darm wirklich spielt

Aktualisiert: vor 3 Tagen


Viele Menschen leiden nach dem Essen unter unspezifischen Beschwerden wie Hautrötungen, Kopfschmerzen, Magen-Darm-Problemen oder Herzklopfen. Nicht selten steckt dahinter eine Histaminintoleranz. Lange Zeit wurde sie vor allem als reines Ernährungsproblem betrachtet – heute weiß man: Der Darm spielt eine zentrale Rolle.


Portrait  von Joana Passia, Fachärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe

Was ist Histaminintoleranz?


Histamin ist ein körpereigener Botenstoff, der an zahlreichen physiologischen Prozessen beteiligt ist, unter anderem an Immunreaktionen, der Regulation von Gefäßen und der Magensäureproduktion. Zusätzlich nehmen wir Histamin über die Nahrung auf – vor allem über gereifte, fermentierte oder stark verarbeitete Lebensmittel.


Bei gesunden Menschen wird überschüssiges Histamin rasch abgebaut. Dafür ist vor allem das Enzym Diaminoxidase (DAO) verantwortlich, das überwiegend in der Darmschleimhaut gebildet wird.


Eine Histaminintoleranz entsteht, wenn dieses Gleichgewicht gestört ist – also wenn mehr Histamin anfällt, als der Körper abbauen kann.




Warum der Darm bei Histaminproblemen so entscheidend ist


Der Darm ist nicht nur für die Verdauung zuständig, sondern auch ein zentrales Stoffwechsel- und Immunorgan. Die Darmschleimhaut bildet Enzyme wie DAO und stellt gleichzeitig eine wichtige Barriere zwischen Darminhalt und Blutkreislauf dar.


Ist die Darmschleimhaut geschädigt oder die Darmflora aus dem Gleichgewicht geraten, kann dies zu mehreren Problemen führen:

• verminderte DAO-Aktivität

• erhöhte Histaminbildung im Darm

• gestörte Schutzfunktion der Darmbarriere

• erleichterter Übertritt von Histamin in den Körper


Damit wird verständlich, warum Histaminintoleranz häufig nicht isoliert, sondern im Zusammenhang mit Darmstörungen auftritt.




Zusammenhang zwischen Darmflora und Histamin


Histaminbildung durch Darmbakterien


Bestimmte Darmbakterien sind in der Lage, Histamin aus der Aminosäure Histidin zu bilden. Bei einer Dysbiose – also einer Fehlbesiedelung des Darms – kann dieser Prozess verstärkt ablaufen und die Histaminbelastung zusätzlich erhöhen.


Gestörte Darmbarriere und Histaminbelastung


Eine geschwächte Darmschleimhaut kann durchlässiger werden („Leaky Gut“). In diesem Fall gelangen Histamin und andere entzündungsfördernde Substanzen leichter in den Blutkreislauf und können systemische Symptome auslösen.




Typische Symptome einer Histaminintoleranz


Die Beschwerden sind vielfältig und individuell sehr unterschiedlich. Häufig beschrieben werden:

• Hautreaktionen wie Rötung, Juckreiz oder Quaddeln

• Kopfschmerzen, migräneartige Beschwerden oder Schwindel

• Übelkeit, Herzklopfen oder Kreislaufreaktionen

• Magen-Darm-Symptome wie Blähungen, Durchfall oder Bauchkrämpfe


Typisch ist, dass die Symptome zeitlich verzögert auftreten können und nicht immer eindeutig einem einzelnen Lebensmittel zugeordnet werden können.


Eine Frau hält sich glücklich und zufrieden den Bauch

Ernährung bei Histaminintoleranz – sinnvoll, aber nicht ausreichend


Zu Beginn kann eine Reduktion histaminreicher Lebensmittel hilfreich sein. Besonders häufig betroffen sind gereifte, fermentierte oder lange gelagerte Produkte sowie Alkohol.


Langfristig greift eine reine Vermeidungsstrategie jedoch oft zu kurz. Entscheidend ist nicht nur, wie viel Histamin aufgenommen wird, sondern auch, wie gut der Körper es abbauen kann. Und genau hier rückt die Darmgesundheit erneut in den Fokus.




Probiotika und Histamin – was Studien zeigen


Nicht alle Mikroorganismen wirken gleich auf den Histaminstoffwechsel. Während einige Bakterien Histamin bilden können, gelten andere als histaminneutral oder sogar regulierend.


Histaminneutrale und histaminsenkende Bakterienstämme


Studien zeigen, dass bestimmte Bifidobakterien, insbesondere Bifidobacterium longum und Bifidobacterium infantis, histaminvermittelte Reaktionen modulieren können. Sie beeinflussen entzündliche Signalwege, die über Histamin aktiviert werden, und tragen zur Stabilisierung der Darmschleimhaut bei.


Auch ausgewählte Lactobacillus-Stämme produzieren nachweislich kein Histamin und können Teil eines darmfreundlichen Mikrobioms sein. In Kombination mit einer stabilen Darmbarriere kann so die individuelle Histamintoleranzschwelle positiv beeinflusst werden.




Ganzheitlicher Blick auf Histaminintoleranz


Histaminintoleranz tritt häufig im Zusammenhang mit anderen Belastungen auf, zum Beispiel:

• nach Antibiotikatherapien

• bei chronischem Stress

• bei hormonellen Veränderungen

• bei bestehenden Magen-Darm-Erkrankungen


Ein nachhaltiger Ansatz berücksichtigt daher nicht nur die Ernährung, sondern auch Darmflora, Schleimhautgesundheit und Lebensstil.




Fazit


Histaminintoleranz ist ein komplexes Geschehen, bei dem der Darm eine Schlüsselrolle spielt. Eine gesunde Darmflora und eine intakte Darmschleimhaut sind entscheidend dafür, wie gut der Körper mit Histamin umgehen kann.


Statt sich dauerhaft auf strikte Verbote zu konzentrieren, kann es sinnvoll sein, den Blick auf die zugrunde liegenden Prozesse zu richten – mit dem Ziel, die körpereigene Regulation zu unterstützen und langfristig mehr Verträglichkeit und Lebensqualität zu erreichen.



Wissenschaftliche Quellen & weiterführende Literatur

• Pfisterer M., Mayer I.: Histaminintoleranz – aktueller Stand von Diagnose und Therapie

• Sattler J. et al.: Food-induced histaminosis – mechanisms and clinical relevance

• Aschenbach J. R. et al.: Histamine inactivation and intestinal enzyme activity

• Timmerman H. M. et al.: Functionality and efficacy of multi-species probiotics

• Studien zur Modulation histaminvermittelter Reaktionen durch Bifidobakterien


Hinweis: Dieser Artikel dient der Information und ersetzt keine individuelle medizinische Beratung.

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